Die beiden Steine stammen aus der sogenannten Urvermessung der Gemarkung Siegenburg. Insgesamt wurden damals zahlreiche Grenzsteine gesetzt, um den Verlauf der Gemarkungsgrenzen festzuhalten. Die Steine trugen unter anderem die Kennzeichnung „MS 1678“ – „Markt Siegenburg“ und die Jahreszahl ihrer Aufstellung.
Über viele Jahre waren die beiden Steine verschollen. Schließlich wurden sie wiederentdeckt und lagerten zuletzt längere Zeit in der Hopfenhalle in Siegenburg. Der Archivar des Marktes Siegenburg, Hans Ertlmaier, regte an, den historischen Steinen wieder einen würdigen Platz zu geben. Die Idee: Sie sollten nicht länger im Verborgenen lagern, sondern für die Bevölkerung sichtbar und als Teil der Ortsgeschichte erlebbar sein.
Seit Kurzem stehen die beiden Grenzsteine nun im Innenhof des Rathauses und erinnern dort an die Vermessung und Grenzgeschichte Siegenburgs vor fast 350 Jahren.
Besonders eindrucksvoll ist der erhaltene Hauptstein. Er besteht aus weißem Offenstettener Kalkstein, ist rund 1,24 Meter hoch und wiegt schätzungsweise mehr als 600 Kilogramm. Auf seinem bearbeiteten Kopf sind die Buchstaben „M · S ·“ und die Ziffern „1 · 6 · 7 · 8“ eingemeißelt. Ein kleines eingehauenes Kreuz markiert vermutlich den damaligen Messpunkt. Eine Kerbe auf der Oberseite zeigt die Richtung des Weiteren Grenzverlaufs an.
Auch die Geschichte dieses Steins ist bemerkenswert: Er wurde 1978 von Marianne und Alois Kirzinger bei einem Spaziergang in Richtung Staudach entdeckt. Damals fanden in diesem Bereich Straßenbauarbeiten statt. Ein Teil des Steins ragte am Straßenrand aus dem Boden. Auf Initiative des damaligen zweiten Bürgermeisters Fritz Schmid wurde der schwere Grenzstein anschließend sorgfältig geborgen.
Heute sind die beiden historischen Steine wieder dort, wo sie hingehören: mitten im Herzen von Siegenburg. Sie machen ein Stück Geschichte sichtbar und erinnern daran, wie bereits vor Jahrhunderten die Grenzen der Gemarkung genau festgehalten wurden.
Geschichtliches:
Die Marksteine von Siegenburg
Grenzen aus Stein - ein Hauptstein aus dem Jahr 1678 erzählt Geschichte
Ein unscheinbarer Stein am Wegesrand kann eine Geschichte über Jahrhunderte bewahren. In Siegenburg zeugen historische Marksteine von der Vermessung und den Grenzen der damaligen Marktgemeinde. Einer dieser Steine, ein rund 660 Kilogramm schwerer Hauptstein aus dem Jahr 1678, wurde 1978 wiederentdeckt und damit für die Nachwelt gerettet. Wer heute durch die Landschaft rund um Siegenburg geht, denkt wohl kaum daran, dass hier vor mehr als 300 Jahren Grenzsteine gesetzt wurden, die den Verlauf der Gemarkung festlegten. Damals waren sie wichtige Orientierungspunkte. Sie machten Grenzen sichtbar und sollten verhindern, dass deren Verlauf in Vergessenheit geriet. Einer dieser historischen Zeugen ist ein Hauptstein aus dem Jahr 1678. Seine Inschrift ist bis heute erhalten:
M · S ·
1 · 6 · 7 · 8 ·
Die Buchstaben werden als „Markt Siegenburg“, die Jahreszahl als Jahr der Marksteinsetzung gedeutet.
Ein ganzes System von Grenzsteinen
Die überlieferten Angaben nennen verschiedene Arten von Marksteinen. Neben den größeren Hauptsteinen gab es Mittelsteine, gemeine Steine und kleinere Steine. Die Hauptsteine markierten dabei besonders wichtige Punkte des Grenzverlaufs Insgesamt werden neun Hauptsteine genannt. Hinzu kommen zahlreiche Mittel- und gemeine Steine. Einige trugen eine Beschriftung, andere waren offenbar ohne Inschrift. Von den kleineren Steinen ist heute allerdings kein vollständiger Bestand mehr bekannt. Das bedeutet: Noch immer könnten sich einzelne dieser historischen Grenzzeichen irgendwo unter Gras, Erde oder Bewuchs befinden - vielleicht ohne, dass jemand ihre Bedeutung kennt.
Der wiederentdeckte Hauptstein
Eine besonders spannende Geschichte hat der als Markstein Nr. 5 bezeichnete Hauptstein. Nach der historischen Beschreibung markierte er die Grenze der Siegenburger Gemarkung zur ehemaligen Gemeinde Staudach. Sein Standort lag am Schnittpunkt der heutigen Staudacher Straße, die früher „Staudecker Falter“ genannt wurde, und des Weges vom Abenstal in Richtung Weißenstein, dem sogenannten „Graßweg“. Fast drei Jahrhunderte später geriet der Stein offenbar in Vergessenheit. Erst 1978 wurde er von Marianne und Alois Kirzinger aus Siegenburg bei einem Spaziergang in Richtung Staudach entdeckt. In diesem Bereich fanden gerade Straßenbauarbeiten statt. Ein Teil des Steines ragte am westlichen Straßenrand aus dem Boden. Damit war die Gefahr groß, dass dieses historische Zeugnis bei den Bauarbeiten beschädigt oder vollständig beseitigt werden könnte. Die sorgfältige Bergung wurde schließlich vom damaligen 2. Bürgermeister Fritz Schmid (1924-1997) veranlasst. So konnte der Stein erhalten werden.
124 Zentimeter Geschichte
Der Markstein besteht aus weißem Offenstettener Kalkstein. Die Jahrhunderte sind an ihm nicht spurlos vorübergegangen: Er ist merklich verwittert. Größere nachträgliche Veränderungen oder Beschädigungen sind jedoch nicht festzustellen. Der quaderförmige Stein ist insgesamt etwa 124 Zentimeter hoch. Der obere, bearbeitete Teil besitzt einen quadratischen Querschnitt von ungefähr 37 x 37 Zentimetern. Der untere Teil, der einst im Erdreich steckte, ist deutlich gröber gearbeitet und erreicht etwa 50 × 50 Zentimeter. Besonders sorgfältig gestaltet ist der Kopf des Steines. Eine Seite ist abgerundet und glatt bearbeitet. Dort befindet sich die Inschrift „MS 1678“. Doch damit erschöpft sich die Bedeutung der Markierungen keineswegs.
Ein Kreuz zeigt den Messpunkt
Auf dem oberen, flach bearbeiteten Teil des Steinkopfes befindet sich ein eingehauenes Kreuz. Nach der überlieferten Beschreibung dürfte dieses Kreuz den eigentlichen Messpunkt bezeichnet haben. Damit erhielt der Stein eine wichtige Funktion innerhalb der damaligen Vermessung. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich außerdem eine etwa 1,5 Zentimeter tiefe, keilförmige Kerbe. Sie verläuft über die Breite des Steines. Solche Kerben werden als Richtungslinien bezeichnet. Sie zeigten den weiteren Verlauf der Grenze an. Der Stein war somit weit mehr als ein einfacher „Pfosten“. Seine verschiedenen Markierungen gaben Auskunft darüber, wo der Grenzpunkt lag und in welche Richtung die Grenze weiterführte.


Bildbeschreibung: (li.) Überlebender Markstein Nr. 5 (Gesamtaufnahme) und (re.) Rundung und obere Seite des Marksteins Nr. 5 mit Kerbe und Kreuz (Detailaufnahme v.o.)
Ein 660 Kilogramm schweres Stück Geschichte
Wie schwer der Stein tatsächlich ist, wurde bislang nicht durch Wiegen festgestellt. Anhand seines geschätzten Volumens und einer angenommenen Dichte von 2,7 ergibt sich jedoch ein Gewicht von ungefähr 660 Kilogramm. Damit wird deutlich, welcher Aufwand hinter der Aufstellung eines solchen Grenzsteines steckte. Heute können Vermessungspunkte mit modernen Geräten auf den Zentimeter genau bestimmt werden. Im Jahr 1678 musste dagegen ein solcher Grenzpunkt dauerhaft und sichtbar in der Landschaft verankert werden - und zwar mit einem mehrere hundert Kilogramm schweren Kalkstein.
Was geschah mit den anderen Marksteinen?
Der wiederentdeckte Hauptstein ist besonders gut dokumentiert. Von den zahlreichen kleineren Mittel- und gemeinen Steinen fehlt dagegen heute offenbar ein großer Teil. Möglicherweise wurden einige bei späteren Veränderungen der Landschaft entfernt. Andere könnten bei Straßenbauarbeiten, Flurbereinigungen oder landwirtschaftlicher Nutzung verschwunden sein. Doch nicht jeder Stein muss verloren sein. Manche könnten noch immer „unter Tage“ liegen, von Erde bedeckt oder längst überwachsen. Vielleicht stehen deshalb auch heute noch historische Marksteine in der Siegenburger Landschaft, ohne dass ihre Bedeutung erkannt wird.
Ein Blick auf das alte Siegenburg
Die Geschichte der Marksteine führt zugleich zu einem weiteren wichtigen Zeugnis der Ortsgeschichte: der Darstellung des frühen Marktes Siegenburg. Die Gebäudeanordnung in dieser historischen Darstellung zeigt den bislang ältesten bekannten Zustand des Marktes. Sie wurde später mehrfach und teilweise leicht verändert wiedergegeben. Bereits im 19. Jahrhundert war diese Darstellung von großem historischem Interesse. Dr. J. B. Prechtl nahm sie 1869 in seine Schrift Beiträge zur Geschichte des Marktes Siegenburg auf. Ein entsprechender Kupferstich wurde dort sogar als ganzseitige Abbildung veröffentlicht.

Bildbeschreibung: Kupferstich von 1869 nach dem Gebäudebestand (Detail) auf dem "Ur-Plan"

Bildbeschreibung: Titelseite der Originalausgabe von Dr. Prechtl von 1869
Damit verbindet sich der Markstein von 1678 mit einer größeren historischen Überlieferung: Er steht nicht isoliert für eine längst vergangene Vermessung, sondern ist Teil des Bildes, das wir uns heute vom historischen Siegenburg machen können.

Bildbeschreibung: Scan des Originals vom 10.02.2020 nach Auffinden (geometrisch leicht korrigiert, ausgerichtet!), Fa. Kelly Druck Abensberg
Ein steinernes Geschichtsbuch
Der Markstein von 1678 hat eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich. Er wurde vor rd. 350 Jahren gesetzt, überdauerte Generationen, geriet in Vergessenheit und wurde schließlich 1978 wiederentdeckt. Dass er heute noch erhalten ist, verdanken wir nicht zuletzt der Aufmerksamkeit der Familie Kirzinger und der anschließenden Bergung. Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei einem Spaziergang durch die Siegenburger Flur einmal genauer hinzusehen. Zwischen Wegen, Feldern und Straßen können sich Spuren der Vergangenheit verbergen, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Denn manchmal ist es nur ein alter Stein - und doch erzählt er die Geschichte eines ganzen Marktes.
Der Stein befindet sich heute im neu gestalteten Innenhof des Rathauses in Siegenburg. Er kann dort zusammen mit einem ebenfalls wiederentdeckten „gemeinen Grenzstein“ aus der gleichen Zeit während der Geschäftszeiten der Verwaltungsgemeinschaft gerne besichtigt werden.

Bildbeschreibung: (li.) (Haupt-)-Grenzstein Nr. 5 der 1678 neu „versteinten“ Ur-Gemarkung Siegenburgs Gen. „Burgfrieden“. Entdeckt und geborgen 1978 bei Straßenbaumaßnahmen an der Staudacher Straße von Alois Kirzinger und 2. Bgm. Fritz Schmid.
(re.) „Gemeiner“ Grenzstein der 1678 neu „versteinten“ Ur-Gemarkung Siegenburgs gen. „Burgfrieden“. Entdeckt und geborgen 1978 von den Feldgeschworenen während des Wegebaus im Zuge der „Flurbereinigung“ 1977-1979.











